Das Web 2.0 boomt. Es lebt davon, dass alle mitmachen können. Die Kirchen dagegen bleiben am Sonntag fast leer. Prof. Dr. Peter Weibel, Vorstandsmitglied des Zentrums für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe, erklärt, was die Kirche vom Internet lernen kann, warum der Gottesdienst überflüssig wird und Gläubige anonym sein wollen.
Was können die Gemeinden vom Web 2.0 lernen?
Das Web 2.0 hat von der Kirche gelernt. Nämlich die Idee der Gemeinschaft und des Teilens. Blogs und Video-Communities sind Gemeinschaften und die Ur-Gemeinschaft, die wir kennen, ist die christliche.
Das Internet hat die Kirche in Sachen Gemeinschaft überholt. Wie kann die Kirche wieder zu einer Gemeinschaft für alle werden?
Sie muss sich öffnen. Die Frage ist, wer hat das Recht im Gottesdienst zu sprechen, wer sagt den anderen, du darfst nur zuhören. Das Gespräch der Gemeinde muss Bestandteil des kirchlichen Gottesdienstes werden. Nicht nur der Pfarrer ist der Inhaber der Wahrheit. Das Netz zeigt uns: Die Wahrheit ist verteilt auf viele Menschen.
Haben Sie weitere Ideen für den Gottesdienst?
Man muss weg von dem gemeinschaftlichen Singen und Beten, hin zur Individualisierung. In jedem Gottesdienst müsste man sagen: Heute spricht ein Anderer zur Gemeinde, nicht nur der Pfarrer. Das ist wie im Netz: Jeder kann gleichberechtigt sprechen.
Wozu braucht man dann noch Theologen?
Die Theologen sind die Ansprechpartner, wenn ein Mitglied der Gemeinde Rat sucht. Die Kirche muss weg von den aufwendigen Ritualen wie dem Abendmahl. Die protestantische Kirche hat ja bereits weniger Rituale als die katholische.
Trotzdem kann man sich auch in der evangelischen Kirche von der Gemeinschaft ausgeschlossen fühlen. Wie zum Beispiel ein Gemeinde-Mitglied, das das Vater-Unser verlernt hat.
Stimmt, die Kirche braucht mehr Anonymität. Das funktioniert in der katholischen Kirche mit der Beichte. Wenn jemand beichtet, ist er anonym und kann eine andere Identität annehmen. Er ist maskiert wie im Internet. Das muss die protestantische Kirche übernehmen. Ein Gemeindemitglied muss die Möglichkeit haben, Rat zu suchen ohne seine Identität preiszugeben.
Wie soll das gehen?
Man muss die Kirche aus ihrer lokalen Verankerung lösen. Sie benutzen können auch wenn man den Gottesdienst nicht besucht. So könnten zum Beispiel die Gläubigen den Pfarrer anonym über eine E-Mail-Adresse um Rat fragen.
Was passiert dann mit dem Prinzip der Gemeinschaft?
Mir geht es um die Auflösung der kirchlichen Gemeinschaft wie sie bisher bestand. Die Gemeinschaft wird lediglich aus dem Konsens der christlichen Werte bestehen.
Wird damit der traditionelle Gottesdienst überflüssig?
Ja. Schauen Sie sich andere Religionen an. Der Moslem kann überall beten und direkt mit seiner Religion in Kontakt treten. Er praktiziert ein öffentliches Ritual, wenn er auf seinem Teppich zum Beten niederkniet. Die Moslems haben keine lokal gebundene Kirche.
Bei uns ist das anders. Ich bedauere, dass ich mich nicht einfach auf die Straße stellen, in den Himmel blicken und beten kann. Die Leute würden denken, ich spinne. Andere Religionen haben durch ihre Flexibilisierung mehr Zukunft als die christliche. Jeder Gläubige sollte seinen persönlichen Draht zu Gott haben und seine eigenen Rituale. Und wenn er theologischen Rat braucht, geht er ins Internet und schreibt eine E-Mail an seinen Pfarrer. Wer allerdings den persönlichen Kontakt sucht, kann weiterhin den klassischen Gottesdienst besuchen.
Das ist eine ganz neue Vision für die evangelische Kirche.
Die evangelische Kirche muss sich erneuern, wenn sie global überleben möchte. Tradition und Erneuerung müssen dabei Hand in Hand gehen.