
Bernd, 37, ist schwul und evangelikal. 15 Jahre kämpfte er gegen seine sexuelle Orientierung, unterstützt durch zahlreiche evangelikale Seminare und Kurse. Heute lebt er seine Homosexualität offen – und ist ein glücklicher und überzeugter Christ.
Kirchentag, Halle 4. Am Stand der Initiative „Zwischenraum“ ist immer etwas los. Mittendrin wuselt ein jugendlich wirkender Mann mit kurzen braunen Haaren. Sein orangenes T-Shirt hat abgeschnittene Ärmel, und lebhaft redet er mit den Besuchern. Es ist schwer zu sagen, ob der mittelalte Mann, auf den er gerade einredet, ein alter Bekannter oder ein flüchtiger Passant ist. „Ich bin heute den ganzen Tag schon so in Fahrt!“, sagt er fast entschuldigend, als er endlich Zeit hat. „Und das fühlt sich total gut an.“ Das war nicht immer so.
Bernd stammt aus einem Dorf in der Nähe von Karlsruhe. Die Eltern sind sehr aktiv in der örtlichen evangelikalen Gemeinde. Sie leiten Jugendgruppen, und das Haus steht allen Gemeindemitgliedern offen. „Das war gelebter Glaube, das habe ich als Kind sehr positiv erfahren. Und als Jugendlicher dachte ich dann: So will ich auch mal sein!“ Doch als er etwa 15 Jahre alt war, gab es ein Problem. Ein großes. „Ich merkte, dass ich mich für Männer interessiere.“ Und obwohl niemand ihm konkret etwas dazu gesagt hatte, war sich Bernd sicher, dass das so nicht in Ordnung ist. „Ich dachte, dass das so nicht gedacht ist von Gott. Ich hatte nur einen Wunsch: Ich will das wegkriegen.“
„Geheilt“ für zwei Wochen
Dieser Wunsch blieb die folgenden 13 Jahre bestimmend für Bernds Leben. Zuerst offenbarte er sich einem alten, schwäbischen Laien-Seelsorger. Der sagte schwäbelnd: „Do beide ma zamme, dann wird des scho widder.“ – „Da beten wir mal zusammen, dann wird das schon wieder.“ Sie beteten. Und es half: „Ich war geheilt! Allerdings nur zwei Wochen lang. Zwei Wochen, in denen ich gar kein Begehren verspürte. Aber dann war alles wieder so wie vorher.“ Eine Erfahrung, die er immer wieder machte. Nach Besuchen bei weiteren Seelsorgern, Wochenend-Seminaren, biblisch-therapeutischer Seelsorge und Gruppenbetreuung dauerte es nicht lange und die Gefühle kamen zurück. „Nichts half wirklich. Meine Gefühle wurden schlimmer, ich meine“, korrigiert er sich schnell, „die Gefühle blieben und wurden nur noch stärker.“ „Schlimmer“ dachte er damals. Heute denkt er etwas anders darüber. Wirklich „schlimm“ findet er Homosexualität nämlich nicht mehr.
Bis dahin war es ein langer Weg. Einige Zeit war Bernd in einer Unterstützergruppe des Projektes „Living Waters“ vom Verein „Wüstenstrom“. „Das war so etwas wie eine Coming-Out-Gruppe, bloß auf der anderen Seite. Das Ziel war nicht, mein Coming-Out zu unterstützen, sondern zu verhindern.“ Also quasi eine Keeping-In-Gruppe. Mehr als ein Dreivierteljahr traf sich die Gruppe wöchentlich, es gab immer ein Impulsreferat zu Themen wie „Gott als Vater“ oder „Der Heilige Geist“, danach wurde in Kleingruppen darüber diskutiert. „Eigentlich kann ich nicht viel Schlechtes über Living Waters sagen. Es hat mir geholfen, mich mit mir selber und meiner Familie auseinanderzusetzen. Und die Leute, die ich da getroffen habe, waren alle sehr coole Leute. Wir haben sehr offen miteinander gesprochen.“ Alle in Bernds Kleingruppe hatten das gleiche Problem: Sie interessierten sich für das eigene Geschlecht, wollten es aber nicht. Sie saßen alle im gleichen Boot, und konnten deswegen sehr offen miteinander umgehen. „Meine sexuelle Entwicklung hat es allerdings eher erschwert.“ Denn im Hintergrund stand klar: Homosexualität ist nicht gut. Und genau deswegen war Bernd ja dort.
„Mein Ziel war es, einmal voll befriedigenden Sex mit einer Frau zu haben, eine Familie zu gründen und Kinder zu haben. Oder zumindest, glücklich und zufrieden ohne Sex zu leben.“ Für einen Moment guckt Bernd sehr betroffen. Dann haut er mit der Faust auf den Tisch. „Beides ist nicht geschehen! Zum Glück!“ Er fängt an zu lachen.
Der innere Schrei nach Gott
Dann wird Bernd ganz ernst. "Mit 28 war ich an einem Punkt, an dem es nicht mehr weiterging. Entweder ich mache mir noch einmal grundsätzlich Gedanken, oder ich drehe durch und nehme mir den Strick.“ Bernd entschied sich, seine homosexuellen Gefühle anzuerkennen. „Da ist ganz viel zusammengebrochen: Meine theologischen Konstrukte, meine Gottesbilder.“ Bernd hält inne, sein Blick richtet sich in die Ferne. „Und all das verdichtete sich in einem Punkt. In mir war dann nur noch eine große Sehnsucht. Ein innerer Schrei nach Gott.“
Er dachte viel nach in dieser Zeit. „Wenn es Gott geben sollte, an den ich glaube, dann scheitert seine Existenz nicht daran, dass ich so lebe, wie ich will. Sie scheitert nicht daran, dass ich zweifle oder Fragen an die Bibel habe. Das alles wird ihn nicht davon abhalten, mich zu lieben. Und wenn doch, dann ist es sowieso egal.“ Fragen stellen ist für Bernd heute ein wichtiger Teil seines Glaubens: „Man muss auch Zweifel zulassen. Glaube ist Fragen stellen, mehr Fragen haben als Antworten. Ich habe heute ein kindliches Vertrauen in Gott, der mich liebt. Und ein Gefühl der Geborgenheit, so wie ich bin, mit all meinen Fragen und Zweifeln.“
Bernd suchte nach anderen Menschen, denen es so ging wie ihm. Er besuchte Gottesdienste der Metropolitan Community Church in Köln, einer sehr schwulen- und lesbenfreundlichen Freikirche. „Dort waren lauter offen homosexuelle Leute, und ich konnte sehen, dass Schwule nicht nur mit Federboa und Handtäschchen herumlaufen.“ Außerdem lernte Bernd dort Kai kennen. Die beiden verliebten sich ineinander. „Jetzt sind wir seit sieben Jahren zusammen, und ich könnte mir gut vorstellen, mit ihm ins Altersheim zu gehen oder auf der Parkbank zu sitzen.“
"Gemeinde bedeutet für mich Engagement"
„Ich wollte gern Kai mit in den Gottesdienst nehmen, ohne mich dabei verstecken zu müssen.“ Die Gemeinde war überfordert. Es kam zu vielen Diskussionen. Am Ende wurde Bernd gebeten, seine repräsentativen Ämter vorerst ruhen zu lassen. „Das war für mich sehr verletzend, ein emotionaler Rausschmiss.“ Bernd war Teamer in Jugendgruppen und musikalisch in Gottesdiensten aktiv. Als er das nicht mehr durfte, nahm er seinen Abschied. „Gemeinde bedeutet für mich Engagement.“
Heute ist Bernd Mitglied einer evangelischen Gemeinde in Köln. „Das ist leider etwas anonym, aber es gibt mir trotzdem Kraft.“ Im Wohnzimmer seiner gemeinsamen Wohnung mit Kai trifft sich seit vier Jahren regelmäßig die Gruppe „Zwischenraum“, die einen Raum für schwule und lesbische evangelikale ChristInnen bietet.
Ein Geschenk des Schöpfers
Christ ist Bernd heute immer noch, ein sehr überzeugter Evangelikaler. „Homosexualität ist für mich ein Segen Gottes, ein Geschenk des Schöpfers.“ Aber passt das? In der Bibel steht doch recht eindeutig, dass ein „Mann nicht bei einem Mann liegen“ soll – das sei ein „Gräuel“. „Naja“, relativiert Bernd, „ein paar Zeilen später steht auch, dass man kein Mischgewebe tragen und keine Blutwurst essen darf.“ Natürlich nimmt er die Bibel ernst. Aber er zweifelt: „Warum werden in manchen Gemeinden bestimmte Bibelverse rücksichtslos durchgesetzt und andere komplett ignoriert? Man muss das ja auch im Zusammenhang betrachten, da geht viel verloren.“ Bernd hat Zweifel und Fragen, kann mit denen aber mittlerweile sehr gut leben. „Früher dachte ich immer, wenn ich das auslebe, dann trifft mich die Strafe Gottes. Aber ich habe es ganz anders erlebt, als etwas Geiles, Schönes, Buntes, Vielfältiges, Verrücktes, Reiches... auf jeden Fall ist es nichts, wofür ich mich schämen müsste. Gott liebt mich so, wie ich bin. Er sagt ‚Ja’ zu mir – bedingungslos.“
Links:
Ökumenische Initiative Zwischenraum
www.zwischenraum.net
Metropolitan Community Church
www.mcc-koeln.de
Ökomenische Arbeitsgruppe Homosexualität und Kirche (HuK)
www.huk.org
weiterlesen:
Valeria Hinck: Streitfall Liebe. Biblische Plädoyers wider die Ausgrenzung homosexueller Menschen, München 2003