Spielt Religion in Zukunft noch eine Rolle? Welche wird den größten Einfluss auf die Menschen haben – das Christentum, der Islam oder das Judentum?
Ein Gespräch mit dem Soziologen und Sozialphilosophen Hans Joas über die Aussichten von Religionsgemeinschaft.
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Die Nachrichtenredaktion des Kirchentages berichtet über den Vortrag von Hans Joas:
Joas: Wir erleben eine der intensivsten Ausbreitungen des Christentums
Werkstatt „Religion in Europa“ freut sich über dynamisches Potential von Religionen
Die „Säkularisierungsthese“ hat nach Ansicht des Erfurter Soziologen Professor Hans Joas an Plausibilität verloren. „Im Weltmaßstab ist die Religion keineswegs im Verschwinden“, so Joas in der Werkstatt „Religion in Europa“ beim Kirchentag. Gleichzeitig wandte er sich gegen das Bild einer post-säkularen Gesellschaft. Hier werde fälschlicherweise ein Verschwinden der Religion suggeriert und das Ausmaß des Wandels übertrieben. Vielmehr hätten sich die Aufmerksamkeitsstrukturen gewandelt, besonders durch die Medien.
Der Säkularisierungsthese stellte Joas drei nach seinem Erachten plausiblere Szenarien gegenüber. Zu beobachten sei zum einen eine Auflösung konfessioneller Milieus, hin zu einem kleinen, aber vitalen christlichen Milieu. Die Trennungslinie verlaufe zunehmend im Hinblick auf den Islam und nicht mehr zwischen Katholiken und Protestanten. Außerdem gebe es zunehmend Formen „impliziter Religionen“, also vielfältige Formen von Werten und Praktiken, die man nicht direkt als Religion einordnen würde. Als Stichworte nannte er New Age, Okkultismus und Spiritismus. Dennoch hält er es für falsch, derartige Erscheinungsformen als Religion zu bezeichnen und damit vermeintlich die Annahme einer fortschreitenden Säkularisierung zu widerlegen. Drittens geht der Soziologe von einer Globalisierung des Christentums aus, was sich etwa in Brasilien und Afrika zeige. Allein auf dem schwarzen Kontinent kommen täglich durch Geburt oder Konversion 23 000 neue Christen hinzu.
Nach Joas Einschätzung wird sich das Wachstum der Pfingstbewegung längerfristig abschwächen und die Charismatisierung der Kirchen zunehmen. Das Christentum sei durch die von ihm skizzierten drei Szenarien vor die Herausforderung gestellt, sich „neu zu artikulieren“. Seine Analyse führt ihn zu der Schlussfolgerung, dass sich die Bedeutung des ökumenischen Dialogs erhöhen und Profilierungsversuche auf Kosten der anderen Konfessionen bei den Gläubigen an Unterstützung verlieren werden. Die Vereinfachung des Glaubens durch neue Formen der Spiritualität sei zwar konfliktträchtig, biete aber auch die Chance für neue Anknüpfungspunkte. Die durch Migration verstärkte Vielfalt der Religionen schließlich werde die Bedeutung des interreligiösen Dialogs erhöhen.
In der abschließenden Debatte betonte der belgische Theologe Johan Verstraeten die Tiefenwirkung der Religionen. Originalität und Kreativität seien ein Wesensmerkmal der Christentums und könnten dementsprechend neue Formen der politischen Praxis bewirken, wie er am Beispiel der Gemeinschaft St. Egidio und ihres Engagements für Friedenspolitik erläuterte.