Jesus ein Kommunikationsgenie, Paulus ein Medienprofi und Luther ein Medienfreak. Kann die Kirche da noch einen draufsetzen? Auf einem Podium diskutierten Medien- und Kirchen-Vertreter über den „Glauben im Scheinwerferlicht“
Ausgerechnet ein Literaturwissenschaftler lieferte den entscheidenden theologischen Beitrag: „Das Christentum ist Medienreligion schlechthin“, rief Jochen Hörisch von der Universität Mannheim in die Tiefe der Messehalle 6. Eine Menschenmasse hatte sich zusammengefunden, um Reinhold Beckmann, Bischof Huber und weitere Gäste zum Thema „Glauben im Scheinwerferlicht“ zu hören. „Jesus ist nicht nur ein Medium, das eine Botschaft für uns bereithält. Er ist nicht nur eine Sendetechnik. Er selbst ist die Botschaft“, sagte Hörisch in seinem Einleitungsvortrag und erntete dafür heftigen Applaus.
Im Verlauf seines akademischen Exkurses bezeichnete Hörisch Jesus als ein predigendes und heilbringendes „Kommunikations-Genie“. Den verkündigenden Paulus nannte er einen „Medienprofi“ und beschrieb Luther mit seiner Affinität zu Buchdruck und Bibelverbreitung als „Medienfreak“. Dem Wort „Television“ attestierte er eine Verwandtschaft zur Theologie und folgerte sogleich mit Blick auf den EKD-Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber: „Theologen sind Televisionäre“. Auch wenn die Kreuz-Symbole an Hubers Kleidung bei Fernsehauftritten in letzter Zeit immer größer würden, sei das noch kein Beleg für die ausreichende Präsenz der Kirche in den Medien.
Bei der eigentlichen Diskussion gab es temperamentvolle Kontroversen. In einem Punkt waren sich die Teilnehmer allerdings einig. Das Fernsehen sei zwar geeignet, die Massen auch mit religiösen Inhalten zu erreichen. Den Glauben, den Gottesdienst oder gar das Abendmahl könne es aber nicht ersetzten. „Ohne Bibel-Lektüre kann es kein mündiges Christentum geben“, sagte der Kasseler Pfarrer Ulrich Parzany, der mit ProChrist-TV ein evangelikales Fernsehprogramm über Satellit betreibt. „Das Fernsehen kann die Brücke schlagen zwischen Jesus Christus und den Gläubigen. Aber glauben sie nicht, dass die Medien das Christentum groß machen“, sagte Parzany mit Nachdruck.
Hans-Ulrich Jörges, stellvertretender Chefredakteur beim Magazin Stern, bezeichnete sich selbst als Atheisten, der gelegentlich mit einer Pfarrerstochter Gottesdienste besucht. Das hielt ihn allerdings nicht davon ab, den Kirchen einen Mangel an medialer Öffentlichkeit vorzuwerfen. „Kirche ist für die Wertebildung unverzichtbar. Leider nimmt sie ihre Chancen nicht wahr.“ Bischof Huber beklagte hingegen das spärliche Interesse der Fernseh-Macher. Kirche dürfe nicht auf die Konfrontation von Christentum und Islam reduziert werden. Sie habe darüber hinaus noch andere wichtige Themen zu bieten.
Wie Hans-Ulrich Jörges zuvor, forderte auch Reinhold Beckmann den Dialog mit den Kirchen. „Es war ein Zwei-Jahresprojekt, Kardinal Meissner in unsere Sendung zu bekommen. Da traut sich dann am Ende keiner mehr, problematische Fragen zu stellen. Wir müssen unsere Beißhemmung verlieren. Wenn die Kirche sich dem Dialog über die Medien stärker aussetzt, gewinnt sie auch wieder an Relevanz.“
Dazu passte das zu Beginn der Veranstaltung von Jochen Hörisch zitierte Szenario des Frankfurter Dichters Robert Gernhardt: Ein paar kluge Köpfe sitzen zusammen und diskutieren. Der eine sagt: „Ich habe mich immer den Medien verweigert.“ Antwortet der andere: „Ja, hat nur keiner gemerkt.“