„Für eine Bibelarbeit bin ich definitiv die Falsche“, sagt Kathrin Passig. Warum die Schriftstellerin trotzdem zum Kirchentag nach Köln kam. Ein Gespräch.
Sie haben heute morgen die Bibelarbeit in der Themenhalle Medien und Weltwissen gestaltet. Wie kommt die Bachmann-Preisträgerin des vergangenen Jahres dazu?
Ich wurde darum gebeten. Nach dem Bachmann-Preis bin ich auf viele Veranstaltungen eingeladen worden – auch auf einen Sexualwissenschaftler-Kongress. Von daher wundert mich jetzt nichts mehr. Aber die Anfrage vom Kirchentag war sicherlich die seltsamste von allen.
Das klingt, als hätten Sie eigentlich gar keine Lust. Warum kommen Sie trotzdem?
Ich finde es verführerisch – besonders dann, wenn ich zu Veranstaltungen gebeten werde, für die ich definitiv die Falsche bin. Das war ja beim Ingeborg-Bachmann-Preis im vergangenen Jahr ähnlich.
Warum halten Sie sich für ungeeignet?
Ich weiß nicht, was eine Bibelarbeit ist. Ich habe versucht, mir das erklären zu lassen. Aber ich habe niemanden gefunden, der das konnte.
Waren Sie schon einmal auf einem Kirchentag?
Ich war mit 14 auf dem Katholikentag in München. Meine Mutter nahm mir vorher das Versprechen ab, zu einem Gottesdienst zu gehen. Sie dachte, ich wollte mich dort nur amüsieren. Aber ich habe das ernst gemeint.
Hatten Sie in Köln schon ein Déjà -Vu?
Ich komme gerade aus Schottland zurück. Als ich gestern mit meinem Rucksack in Köln ankam, dachte ich: hoffentlich denken die Leute nicht, ich sei wegen des Kirchentags hier. Aber gerade deswegen bin ich ja hier. Ein unangenehmer Moment.
Ist Ihnen Ihr Besuch peinlich?
Ein bisschen.
Warum?
Für mich ist der Besuch hier eine Begegnung mit der eigenen Vergangenheit. Als Jugendliche habe ich zu grotesken Peinlichkeiten geneigt. Sie reichten von Kleidung über Musikgeschmack bis hin zu absurden Glaubensrichtungen. Auf einem Foto aus den 80-er Jahren habe ich einen Fransen-Rock an und trage Birkenstocksandalen. Bei katholischen Veranstaltungen hatte ich selbstgebastelte Sonnenblumen aus Bierdeckeln an der Brust. Heute sehen die Leute nicht mehr so vollkommen geisteskrank aus wie ich damals – vielleicht, weil sie evangelisch sind. Das kann ich aber nicht beurteilen.
Wie haben Sie Ihren Glauben verloren?
Zwischen 14 und 17 bin ich aus der Kirche ausgetreten. Dann hatte ich eine Weile lang meine Privatreligion. Den restlichen Glauben habe ich in Kanada verloren, als ich meinen atheistischen Onkel besucht habe. Er hat mich gefragt, wozu der Glaube diene. Mir fehlten damals rationale Argumente . Deswegen habe ich mich gegen den Glauben entschieden.
Warum ist es irrational zu glauben?
Was ist denn das Rationale daran? Im Namen von Religionen wird viel Unheil in der Welt angerichtet. Die Leute glauben, Gott sei auf ihrer Seite. Was sie tun, sei richtig. Was ihre Nachbarn tun, sei falsch. Um von dieser Vorstellung wegkommen, muss man sich vom Glauben lösen.
Haben Sie sich für die Bibelarbeit heute morgen verstellt?
Nein. Denn ich weiß auch, wie sich Glaube anfühlt. Und ich hatte auch ein ernsthaftes Anliegen. Ich habe in der Bibelarbeit über Zuversicht gesprochen. In diesem Zusammenhang habe ich auch für mehr Mut zur beruflichen Selbständigkeit plädiert. Als Selbständige darf ich abends nicht wachliegen und fragen: werde ich morgen noch Arbeit und Geld und Essen haben? Man muss sich darauf verlassen, dass es schon irgendwie weitergehen wird.
Und wenn man einmal Zuspruch braucht?
Ich habe das Glück, nicht besonders trostbedürftig zu sein. Ein Titanic-Redakteur hat mir neulich erzählt, die Welt würde immer schlimmer. Das Gegenteil ist der Fall. Zum Beispiel gibt es das Internet. Es hilft zu verstehen, dass alle Menschen eine Gemeinschaft bilden und es da draußen keinen Feind gibt.
Riesenmaschine - Blog
Kathrin Passig beim Bachmannpreis